« Am Abgrund… hat man den besten Überblick » – Volker Ranisch, Ringtheater Zürich

dimanche 28 Jan. 2018 - 17h00

Atelier Marcel Hastir (étage 2)


 

Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn… AM ABGRUND …hat man den besten Überblick. Kleine Anleitung zum stilvollen Umgang mit Apokalypsen. Natürlich wieder mit viel Musik.

Eintritt: 18 € (Kinder unter 12 Jahren 9 €) – Reservierungen, siehe unten

Und: Sofern die Welt nicht untergeht.

Franz Schubert hat es getan. Auch Richard Wagner hat sie herbei gesehnt, die apokalyptische Offenbarung („Wann kommt der Vernichtungstag, an dem die Welt zusammenkracht“ / aus „Der Fliegende Holländer“). Und mit ihnen viele andere –mystisch verbrämt, religiös bestimmt, romantisch verklärt oder auch politisch motiviert. „Am Abgrund hat man den besten Überblick“, meint dazu lakonisch der Maler und Poet Carl Spitzweg. Und selbst wenn der ausgewiesene Menschenkenner Wilhelm Busch zu relativieren weiss – „Der Untergang der Welt, sich meistens stets in Grenzen hält“ – der Weltuntergang bleibt ein begehrtes Schauspiel der Phantasie, welches das Befürchtete mit dem Erhofften vereint. Die Beschäftigung damit geschieht immer auch zugleich in Erwartung von Neuem, Besserem. Endzeitszenarien erzeugen Lust an der Angst vor kollektiven Wunsch- und Alpträumen. Wir sollten ihn auf keinen Fall verpassen, den Untergang. Also: „Gehn mer halt a bisserl unter“ (Jura Soyfer).

„Der Welten Untergang“ – ein Rahmen sprengendes Thema. Zumal für eine Kleinkunstbühne. Selbiges auf selbiger zum Klingen zu bringen, hat nicht nur des Kontrastes wegen seinen besonderen Reiz.

Das Ende ist da. Und hier. Und dort

Jeden Januar treffen sich in Davos Politiker und Wirtschaftsexperten aus aller Welt. Sie debattieren darüber, wie die Erde zu retten wäre. In der Welt der Kunst und Kultur zeichnet sich dagegen ein anderer Trend ab: Es herrscht Untergangsstimmung. Nicht nur Schriftstellerinnen und Schriftsteller entwerfen gerade wieder mit Inbrunst Endzeitszenarien, variationsreich und radikal, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: mal satirisch gebrochen, mal todernst, mal bitterböse, mal spektakulär – immer mit ein wenig Licht am Ende des Tunnels als Hoffnungsschimmer für eine bessere Welt. Selbst das Schweizer Fernsehen begann das Jahr 2017 mit einem ganztätigen „grossen Katastrophenszenario“. Und Radio SRF begleitete „den postapokalyptischen Thementag“ mit Lesungen aus dem «Handbuch für den Neustart der Welt» und einem anschliessenden „Apokalypse-Oratorium“.

Lauter „Letzte Tage“

Der Weltuntergang ist zeitlos aktuell, es hat ihn immer gegeben. Schon vor 3000 Jahren predigte ein persischer Prophet namens Zarathustra vom finalen Kampf zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis. Und seit der Apostel Johannes etwa 1000 Jahre später im ersten nachchristlichen Jahrhundert mit der Apokalypse die so genannte Offenbarung empfing, liest sich der Kalender der Menschheitsgeschichte wie ein Desaster-Kataster von Erlösung und Zerstörung.

Der Mensch gibt seine Sorgen nur ungern her

Untergangsphantasien scheinen zur Grundausstattung unserer Spezies zu gehören. Es gibt keine Epoche der Menschheit, in der sie nicht beschworen wurden, befürchtet und ersehnt. Vor uns die Sintflut, sozusagen. In ihrer Spielart haben sie jedoch eine gewisse Wandlung vollzogen – vom christlichen Verständnis eines Strafgerichtes (mit anschliessender Offenbarung einer göttlichen Wahrheit), über eine rein säkulare Erscheinung (als eine Erfindung der Romantik), welche die Menschen, ohne einen Gott dafür verantwortlich zu machen, allein damit lässt, bis hin zu revolutionären Volksbewegungen („Auf zum letzten Gefecht“, heisst es bezeichnend in der „Internationale“ – auch Karl Marx fühlte sich in seiner Vorstellung von Sinn und Richtung der Geschichte der jüdisch christlichen Idee vom Zeitpfeil verpflichtet). Nun ist aber allen Prophezeiungen zum Trotz bis heute nichts davon eingetreten. „Entwarnung“, könnte man also meinen, Weltuntergang verschoben!

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Nicht nur religiös motivierte Untergangsszenarien haben Konjunktur. Auch dass Verständnis einer selbst gemachten und nicht durch höhere Mächte verursachten Katastrophe dauert seit der Romantik, also seit gut zweihundert Jahre, an. Und weitere Spielarten sind hinzugekommen. – Die Jugend erfährt sie derzeit wahlweise im „Herr der Ringe“ oder durch „Harry Potter“, wo der endzeitliche Überlebenskampf nach Mittelerde oder in ein britisch gefärbtes Paralleluniversum verlegt wird. Sie begegnet ihr computeranimiert in „Resident Evil“. Und der „Master of Desaster“ Roland Emmerich beschwörte sie in seinem Katastrophen-Thriller « The day after tomorrow ». – Mit unserer ungebrochenen Lust an fiktionalen Untergangsszenarien bei gleichzeitiger Kenntnis der Faktenlage befinden wir uns heute allerdings in einer paradox zu nennenden Lage. Bebildern imaginierte Desaster doch etwas, das wir faktisch zwar für möglich, vielleicht sogar für unmittelbar bevorstehend halten müssen, was aber dennoch unvorstellbar bleibt, weil es nicht greifbar ist.

Weltuntergang? Na und! Die Sonne geht auch jeden Tag unter

Wir sollen Verantwortung übernehmen. Wir sind aufgerufen, zu planen, Vorsorge zu leisten, Gefahren vorzubeugen. Zugleich stehen wir aber einer geradezu verwirrenden „Multioptionalität“ apokalyptischer Visionen gegenüber. Wer will sagen, was genau auf uns zukommt. Ist es der Klimawandel? Sind es Ressourcenkrisen? Neue Formen des Krieges oder des Terrors? Sind es globale Epidemien, Populismus, Nationalismus? Inflation oder Deflation? Wir wissen nicht, was es sein wird und wie es sich abspielen würde, wenn es überhaupt sein wird.  – Das deutsche Innenministerium hat ganz allgemein die prophylaktische Empfehlung herausgegeben, jeder Haushalt möge auch ohne konkrete Bedrohungslage einen entsprechenden Notvorrat an Lebensmitteln bereithalten. Die einzige Gewissheit, die wir also haben, ist: es wird anders sein. Das Resultat – ein kollektives „Pfeifen im Walde“.

 Mahle, Mühle, mahle – gesammelte Dystopien* und Deszentenzen**

                                                                                  * Gegenbild zur Utopie, Endzeitstimmung

                                                                                  ** descentendre, lat. Untergang eines Gestirns

Die Inszenierung versteht sich als eine Art Selbst-Versuch, wie sich mit diesem Paradoxon stilvoll umgehen lässt. Dafür begeben sich André Steger und Volker Ranisch gemeinsam mit dem Musiker Christoph Baumann auf eine Spurensuche nach vergangenen und zukünftigen Apokalypsen.

Wer sich irrt, liegt richtig

Die beste Art, die Zukunft vorauszusagen, ist immer noch, sie zu erfinden. Und vielleicht ist die Menschheit auch nur deshalb noch am Leben, weil sie sich seit Tausenden von Jahren mit ihrem potentiellen Untergang beschäftigt, weil sie von der Apokalypse predigt, spricht und singt im Sinne einer „Sich-selbst-widerlegenden-Prophezeiung“. Wir widmen uns Untergangsmotiven jeglicher Art: religiös bestimmt, romantisch geprägt, mit Lust zelebriert. Wir bedienen uns dieser Motive weil sie ein Teil unserer Geschichte sind, aus der ein guter Teil unserer Geschichten gemacht ist. Ihr Nachhall ist bis heute zu spüren und wird im wörtlichen Sinne von einiger Resonanz begleitet.

Tonangebender Ausgangspunkt der Inszenierung werden die Untergangsszenarien aus einem „schauerlichen Liederzyklus“ von Wilhelm Müller und Franz Schubert sein („Schöne Müllerin“ und „Winterreise“). Ihr Protagonist wird auf seinem Ritt aus der Romantik in die Moderne ungebremst auf das Postfaktische der Gegenwart prallen. Untergangspropheten treten auf den Plan. Doch alle, bis auf den letzten, werden Unrecht haben. Mit anarchischer Lust und dramatischer Kraft sprengen sie die Konventionen des klassischen Liederabends, was letztendlich zu dessen vorsätzlichen Scheitern führen wird. – Das Publikum darf sich freuen auf geballte Satire und feine Ironie, welche dem Zuschauer Mores lehren.

Aus dem Dies- und dem Jenseits melden sich dazu ferner zu Wort

Johannes, Apostel des Christentums; Ludwig Tieck, König der Romantik; Oscar Panizza, Schriftsteller der Moderne; Michel de Ghelderode mit der „La ballade du grand macabre“; Kurt Schwitters, Jura Soyfer, Samuel Beckett, Franz Hohler, Uriella… u.v.a.mehr.          

 Natürlich wieder mit viel Musik. Und: Sofern die Welt nicht untergeht.

                                                                         

Carl Spitzweg

Der eingeschlafene Einsiedler – Friedlicher Abend

 

Réservations

Type de billet Prix Places
Billet Standard 18,00 €
Billet Enfant (moins de 12 ans) 9,00 €